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Der Raum diktiert die Größe 

Vor Freude macht sie einen Luftsprung. Mit diesem Bild lädt Magda Stützer-Tóthová auf dem Ausstellungsplakat zur Vernissage bei DIEresidenz Berlin ein, in der sie als Künstlerin mit Kind für vier Wochen einen Atelierraum und eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekam...

Im Ausstellungsraum hängen im Raster eine Vielzahl von kleinen Zeichnungen neben fast lebensgroßen Bildern. Die während ihrer Residency in Friedenau entstandenen Arbeiten zeigen organisch anmutende Silhouetten, deren Abstraktionsgrad von biomorphen, zellartigen Formen bis zu stilisierten Köpfen in Frontal- oder Profilansicht reichen. Meist werden pro Zeichnung nur ein bis zwei Farben verwendet. Neben Umrissen sind wenige menschlicher Merkmale wie hängende Brüste mit Nippeln oder Augen, die stets etwas entsetzt wirken, herausgearbeitet.  

Die auf wenige Grundformen reduzierten Zeichnungen erinnern an Willi Baumeister, der in „Das Unbekannte in der Kunst“ seine Suche nach den sogenannten „Urformen“ proklamiert, die er als kultur- und zeitübergreifende Bildbausteine vor jede konkrete Darstellung eines menschlichen Körpers legt. Doch während seine Zeichnungen auf Harmonie in der Komposition und der Bildkörper zueinander ausgelegt waren, fressen, umkreisen und beißen Stützer-Tóthovás Figuren einander auf fast kannibalische Weise. Ob in einem hohen Grad der Abstraktion, wie bei der Zeichnung, in der drei zellartige Formen einander zu verschlingen suchen, oder figurativer mit weit geöffneten Mündern, die mit fletschenden Zähnen scheinbar im nächsten Moment in einen Penis beißen, befinden sich die Figuren in einem Kampf. Ein Kampf, in dem sie in eindeutig enger Beziehung zueinander, einander brauchen und gleichzeitig verzehren.

Die Zeichnungen wirken archaisch, fast könnten sie steinzeitliche Höhlenzeichnungen sein, wenn nicht die Motive geradezu unverschämt mit jeder Idee eines Fruchtbarkeitssymbols oder Mutterarchetypen brechen würden. Man spürt beim Betrachten, dass diese Serie einen Zustand der vielen ambivalenten Gefühle erkundet, die man als Mutter erlebt.

Stützer-Tóthová begleitet ihre künstlerischen Arbeiten mit einem Tagebuch auf Instagram, das beispielsweise sie und die Rückenansicht ihrer achtjährigen Tochter beim Zähneputzen in der „neuen Wohnung“ zeigt. Auf weiteren Fotos ist die Künstlerin bei der Lektüre feministischer Literatur in den Räumen der Residency. Sie stellt ihren Selbstporträts ausgewählte Zitate der gelesenen Bücher zur Seite. Ihr feministischer Blick lässt sich nun wunderbar auf die Zeichnungen zurückführen. Sie eignet sich nämlich die Bildsprache der klassischen Moderne an, die eindeutig weiß und männlich konnotiert ist, um mit viel Kraft und ohne Entschuldigung ihrer Wut und Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen. Und genau hier liegt das emanzipatorische Moment. Dürfen Frauen wütend sein? Darf eine Mutter damit kämpfen, Mutter zu sein, auch wenn sich Mythen über in die Wiege gelegte Mutterinstinkte hartnäckig bis heute halten? Noch immer wird unbezahlte Care-Arbeit nicht gesehen oder als gesellschaftliches Fundament ignoriert. Von Frauen wird erwartet, dass sie gerne und völlig von sich aus die Kinder versorgen, die emotionale Arbeit leisten und die Beziehungen innerhalb des Familiengefüges stabilisieren. Stützer-Tóthová rebelliert dagegen und nutzt ihre Kunst als Werkzeug der Selbstermächtigung. Und dafür hatte sie einen Monat lang den nötigen Raum, mehr Platz sich zu entfalten, mit ihren künstlerischen Materialien und ihrer Literatur.

So trägt die Ausstellung den treffenden Titel „Der Raum diktiert die Größe“.

„Many artist mothers give up studio spaces and work from home. This may seem like a win-win – removing the guilt-inducing choice between parenting time and studio time – but has an immediate impact both on the quality of time available and on the kind of work it is possible to make. The space available dictates the size of work, which shrinks from studio to domestic scale.”

Hettie Judah How Not to Exclude Artist Mothers (and other parents), Lund Humphries Publishers Ltd 2023

Um die Bedeutung des Raumes für den künstlerischen Prozess sichtbar zu machen, belässt Stützer-Tóthová die Ateliersituation für die Ausstellung und zeigt, wie ihr Alltag und ihr Arbeitsprozess in den vergangenen Wochen aussah. Ihre Werkzeuge liegen herum, die Bücher sind auf einem Tisch versammelt und dazu vier neu entstandene Ton-Teller, die als „work-in-progress“ noch nicht gebrannt oder glasiert wurden. Die vier reduzierten Symbole entlehnt sie kulturhistorischer Geschichten, die den jahrhundertealten Kampf um Emanzipation verdeutlichen. Jedem Symbol wird ein beschreibender Text zur Seite gestellt.

Die Duo-Ausstellung zeigt zudem Arbeiten der Künstlerin Paulette Penje, die sie 2024 in ihrer Residenz im französischen Die geschaffen hat. Auf dem Boden sitzend sprüht sie mit einer Haarschaum-Dose eine Linie entlang ihres Innenschenkels. An der Fußsohle angekommen, lehnt sie sich weitmöglichst zur linken Seite und beginnt, den Radius ihrer maximalen körperlichen Ausdehnung mit Haarschaum nachzuzeichnen. Es folgt ein harter Schnitt. Das Ergebnis der Bewegung ist ein unförmiger Kreis mit Radius. Die Performance wiederholt sie wie ein Experiment, zeichnet ihre Körperkonturen in verschiedenen Haltungen nach. Sie nimmt Raum ein, steckt ihn ab und nutzt ihren eigenen Körper als Maßeinheit.

Ihre zunächst geschmeidigen, langsamen, fast lasziven Bewegungen verstärken sich mit der Zeit. Auf allen Vieren zieht sie ihre Haare durch den Schaum und verschmiert ihn anschließend mit immer schneller werdenden Handbewegungen auf dem Boden. Die initiale Verführung kippt in etwas leicht Abjektes. Der Schaum klebt an ihren Haaren, ihrer Kleidung und dem Boden. Wie viele von Penjes Performances fluktuiert auch diese zwischen Verspieltem, Humorvollen und der körperlichen Anstrengung und Konzentration, die ihre Performances ausmacht. Der leichte Ekel, der bei Betrachtung der Schmiererei evoziert wird, in Kombination mit ihrem Wälzen auf dem Boden, ist ein Spiel mit Grenzüberschreitungen, die ähnlich wie Stützer-Tóthovás künstlerische Praxis fragt, was Frauen, was Mütter, in ihrer Kunst dürfen und was an gesellschaftlichen Erwartungen an sie und ihr Verhalten herangetragen wird.

Magda Stützer-Tóthovás und Paulette Penjes künstlerische Strategien sind sehr verschieden, doch beide besetzen in einem emanzipatorischen Akt den Raum. Während Stützer-Tóthovás Zeichnungen in Größe und Bildsprache den Atelierraum einnehmen und ihr feministischer Diskurs auf Social Media den digitalen Raum, ist Penje in ihren Performances radikal präsent, nimmt Raum ein, indem sie sich selbst als Maßstab setzt und so gegen das Normative protestiert.

Beide sprechen mit ihrer Kunst zu und für eine Generation Frauen und Mütter, die sich wenig an den Generationen vor ihnen orientieren können. Sie sind aufgewachsen mit der Idee, alles sein zu können, alles werden zu können, mit einem Versprechen von Gleichberechtigung, das auf formaler Ebene für einen kurzen Moment eingelöst zu sein schien. Doch die erlebte Realität ist eine andere. Die Dynamiken von #MeToo, intersektionalen Machtanalysen und die Rücknahme körperlicher Selbstbestimmungsrechte treffen auf eine private Realität, in der unbezahlte Care-Arbeit und der sogenannte „Mental Load“ neben der Lohnarbeit noch immer selbstverständlich Frauen – und besonders Müttern – zugeschrieben werden.

Paris Paloma singt 2024 im Refrain ihres Pop-Hits „Labour“ in 2024:

All day, every day, therapist, mother, maid,

Nymph, then virgin, nurse, then a servant,

just an appendage, live to attend him,

so that he never lifts a finger,

24/7 baby machine

so he can live out his picket-fence dreams

It’s not an act of love if you make her

you make me do too much labour

 

Diese Kunst ist nicht für jede*n gemacht. Sie will nicht gefallen. Sie interessiert sich nicht für die Erwartung an Frauen gefällig, und freundlich zu sein, keinen Ärger zu machen, nicht zu laut, nicht albern und nicht zu fordern zu sein. Stattdessen spricht sie zu einer bestimmten Frauengeneration, die in der vierten (oder schon fünften?) Welle des Feminismus endlich die vielen Versprechen von Gleichberechtigung und Gerechtigkeit einzulösen sucht.

 

Milena Mercer, Kuratorin & Leiterin der kommunalen Galerien Treptow-Köpenick

Ausstellungsansicht Der Raum diktiert die Größe, Magda Stütze Thótová
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